Selbstwert · 6 Min.

Den Selbstwert queerer Männer verstehen

Gregor Schmidinger · Aktualisiert am

Mann von hinten vor einer leeren Leinwand, schwarzweiß

Von 113 schwulen und queeren Männern, die ich vor einiger Zeit befragt habe, haben 49 Prozent Selbstwert als Thema angekreuzt. Sexualität kam auf 72, Beziehung auf 65. Selbstwert lag auf Platz vier. Und trotzdem lande ich in fast jedem Gespräch dort.

Nicht, weil die Männer falsch angekreuzt hätten, sondern weil Selbstwert selten das Thema ist, mit dem jemand kommt. Es ist das Thema, das darunter liegt.

Dieser Artikel erklärt, was das Selbstwertgefühl schwuler Männer von einem allgemeinen unterscheidet, woher der Unterschied kommt, und warum Verstehen allein ihn nicht auflöst.

Woran merkst du, dass dein Selbstwertgefühl von außen gesteuert wird?

An den kleinen Momenten, nicht an den großen. Ein Match schreibt nicht zurück, und der Abend kippt. Ein Like bleibt aus, und das Foto war plötzlich doch nicht gut. Jemand fällt dir im Gespräch ins Wort, und du wirst leiser. In der Sauna scannst du den Raum, wer schaut, und ziehst den Bauch ein, bevor du weißt, dass du es tust.

In der Psychologie heißt das externalisierte Selbstwertregulation. Übersetzt: Nicht du entscheidest, wie viel du wert bist, sondern die Reaktionen der anderen tun es. Ein Match, ein Blick, ein Like, und der Wert steigt. Bleibt die Reaktion aus, sinkt er. Wer so lebt, lebt mit einer Antenne, die rund um die Uhr auf Empfang steht: Bin ich okay? Werde ich gemocht? Gehöre ich dazu?

Das ist anstrengend. Und es ist kein Charakterfehler. Um das zu verstehen, hilft ein Blick darauf, wofür Selbstwert überhaupt da ist.

Wofür ist Selbstwert überhaupt da?

Der Sozialpsychologe Mark Leary hat dafür ein Bild gefunden, das ich seither nicht mehr loswerde: Selbstwert ist ein Soziometer. Ein Messgerät, das anzeigt, wie sicher unsere Zugehörigkeit gerade ist. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig. Wer aus der Gruppe fiel, war allein, und allein war man tot. Also hat die Evolution uns ein Instrument eingebaut, das bei jedem Zeichen von Ablehnung Alarm schlägt.

Das Instrument ist nicht kaputt. Es tut genau das, wofür es gebaut wurde. Das Problem ist die Eichung: Bei manchen von uns schlägt es schon bei einem ausbleibenden Like aus, als ginge es ums Überleben. Und diese Eichung passiert früh.

Warum steht die Antenne bei schwulen Männern so oft auf Empfang?

Weil viele von uns die Erfahrung, anders zu sein, gemacht haben, bevor wir Wörter dafür hatten. Ein Kind, das spürt, dass etwas an ihm nicht in die Welt seiner Eltern, seiner Klasse, seines Dorfs passt, lernt früh, die Antenne nach außen zu richten. Anpassen, beobachten, keinen Anlass geben. Das war klug. Es hat uns durch die Jugend gebracht.

Die Forschung nennt den Preis dafür Minority Stress: die dauerhafte Belastung, die entsteht, wenn man mit einer abgewerteten Identität in einer Mehrheitswelt lebt, auch ohne dass jeden Tag etwas passiert. Ein Teil davon kommt von außen. Der größere Teil ist irgendwann innen: die alte Abwertung, die wir übernommen haben, ohne es zu merken. Internalisierte Homophobie heißt das, und sie klingt nicht wie Hass. Sie klingt wie: „So schlimm ist es ja nicht.“ Oder: „Ich bin halt nicht der Typ, den man will.“

Und dann kommt etwas dazu, das in kaum einem Buch steht. In meiner Umfrage haben die Männer die schmerzhaftesten Momente nicht beim homophoben Nachbarn erlebt, sondern in der eigenen Szene. Im Club, in der Sauna, auf den Apps. Einer schrieb: „In Gay Clubs, mit dem oberflächlichen Abchecken und Ablehnung, weil der eigene Körper nicht einer idealisierten Norm entspricht.“ Die Orte, an denen wir eigentlich dazugehören wollten, sind die Orte, an denen die Antenne am lautesten piept.

Wo genau wackelt es? Selbstwert ist eine Landkarte, kein Pegel

Hier wird es interessant, denn die meisten Männer, mit denen ich spreche, haben keinen niedrigen Selbstwert. Sie haben einen sehr genau lokalisierbaren. Im Job wissen sie, was sie können. Sie führen Teams, halten Vorträge, verhandeln. Und privat, beim Dating, beim Sex, im Streit mit dem Partner, sind sie ein Spielball.

Einer hat es in der Umfrage so gesagt: „Ich weiß, was ich kann, was ich bin, wo ich stehe. Diese Erkenntnis in Selbstbewusstsein umwandeln zu können.“ Genau das ist der Punkt. Selbstwert ist kein Pegelstand, der überall gleich hoch ist. Er ist eine Landkarte mit sicheren und unsicheren Zonen. Wer pauschal „mehr Selbstwert“ will, findet den Einstieg nicht. Wer die Zone benennt, in der es wackelt, hat ihn schon.

Vielleicht kennst du das. Nennen wir ihn Daniel, 38, Projektleiter, schwul, seit zwei Jahren Single. Im Meeting widerspricht er dem Geschäftsführer, ohne dass sein Puls steigt. Am Abend sitzt er mit einem Mann beim zweiten Date, der Mann schaut kurz aufs Handy, und Daniel merkt, wie er anfängt, unterhaltsamer zu werden. Lauter, schneller, mit mehr Fragen. Erst auf dem Heimweg fällt ihm auf, dass er den ganzen Abend gesendet hat und nichts empfangen. Die Zone, in der es bei Daniel wackelt, heißt nicht „Selbstwert“. Sie heißt: ein Mann, der mir gefallen könnte, schaut weg.

Warum reicht es nicht, das alles zu verstehen?

Weil Daniel das alles weiß. Die meisten Männer, mit denen ich arbeite, haben viel gelesen, manche waren jahrelang in Therapie. Sie kennen ihr Muster. Und es passiert trotzdem wieder.

Der Grund liegt nicht im Kopf. Scham, und darum geht es bei alldem, sitzt nicht in den Gedanken. Sie sitzt im Zwerchfell, in den Schultern, im flachen Atem, in dem Reflex, sich kleiner zu machen. Der Psychologe John Bradshaw hat Scham als das Gefühl beschrieben, nicht nur etwas Falsches getan zu haben, sondern etwas Falsches zu sein. So ein Gefühl lässt sich nicht wegdenken, weil es nie gedacht wurde. Es wurde gelernt, im Körper, lange bevor der Verstand mitreden konnte.

Wissen und Fühlen laufen auf zwei Spuren. Die erste lernt über Bücher und Gespräche. Die zweite lernt nur über Erfahrung: einmal anders handeln und erleben, dass nichts zusammenbricht. Nathaniel Branden, einer der wichtigsten Selbstwert-Forscher, hat dafür eine Reihenfolge vorgeschlagen, die mir einleuchtet. Unter allem liegt Selbstannahme: das Recht, so zu sein, wie man ist, bevor man irgendetwas leistet. Fehlt die, bauen alle Übungen auf Sand.

Was gelernt wurde, lässt sich anders lernen. Das ist der ganze Trost, und er ist größer, als er klingt.

Was kannst du heute damit anfangen?

Weniger, als du denkst, und das ist gut so. Der erste Schritt ist nicht, etwas zu ändern. Er ist, den Moment zu bemerken, in dem die Antenne ausschlägt. Das Match, das nicht zurückschreibt. Der Blick in der Umkleide. Der Satz im Kopf, dass du nicht der Typ bist, den man will. Wer den Moment bemerkt, hat zum ersten Mal einen Abstand zwischen sich und der Reaktion. In diesem Abstand fängt alles an.

Daniel hat auf dem Heimweg genau das getan. Er hat nicht beschlossen, beim nächsten Date anders zu sein. Er hat gemerkt, wann es angefangen hat, und das war der Handyblick. Mehr nicht. Beim nächsten Mal wird er es früher merken. Irgendwann während des Abends. Und irgendwann, bevor er lauter wird.

Gregor Schmidinger ist psychologischer Berater und klinischer Sexologe in Wien. Er arbeitet mit schwulen und queeren Männern zu Selbstwert, Beziehung und Sexualität, und ist selbst einer. Mit Gerald VDH macht er den Podcast Warme Bros.

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